Die Nowgorodfahrer
von Oliver H. Herde
Die Anfänge
Schon in der Frühzeit der Hanse - genauer in den 1160er Jahren - wurden die ersten Fahrten nach Gotland unternommen. Dort trafen die Kauffahrer erstmals auf Händler aus Nowgorod. Bald darauf folgten die Deutschen den gotländischen Handelsrouten nach Rußland.
Nowgorod (d.h. Neuburg) war zu jener Zeit ein Fürstentum, das aber unter der faktischen Herrschaft der Bojaren(1) stand. Die Volksversammlung setzte sich aus Bojaren, Kaufleuten und Handwerkern zusammen. Schon innerhalb des Kiewer Reiches hatte es eine bedeutende Stellung innegehabt, nach seinen Zerfall erreichte die Stadt eine Vormachtstellung im russischen Raum.
Ursprünglich logierten die Hansekaufleute auf dem Olafshof, dem Handelshof der Gotländer in Nowgorod. Dieser existierte bereits seit dem 11. Jahrhundert und bekam seinen Namen von der Kirche St. Olaf.(2)
Im 12. und 13. Jahrhundert schlossen Deutsche und Gotländer vielfach gemeinsam Verträge mit den Nowgorodern ab. 1199 erhielten sie ein erstes gemeinsames Privileg durch Fürst Jaroslaw Wladimirowitsch.(3)
Das Hansekontor in Nowgorod
Später gründeten die Deutschen ein eigenes Kontor, den Peterhof, der erstmals in einem Vertrag von 1259 erwähnt wurde. Die russische Historikerin und Archäologin Elena Rybina datiert die Gründung schlüssig auf das Jahr 1192.(4)
1583 soll der Hof eine Grundfläche von 1960 m2 gehabt haben, was den Ausmaßen eines damaligen Bojarenhofes entspräche.(5) Während des 14. und 15. Jahrhunderts hielten sich bis zu zweihundert Deutsche gleichzeitig in Nowgorod auf.(6)
Der Hof lag auf der östlichen Seite des Wolchow-Flusses, der sogenannten Marktseite. Die Nowgoroder bezeichneten ihn als den Berghof, weil er auf einer Anhöhe lag. Zum Hof gehörten zahlreiche hölzerne Wohnhäuser, Kaufläden und Lagerschuppen, sowie eine Bäckerei, ein Brauhaus, eine Krankenstube, ein Bad und ein Gefängnis.
Das Zentrum des mit starken Holzpfählen(7) gesicherten Geländes bildete die Kirche St. Peter. Das dreischiffige Steingebäude diente aufgrund seiner Feuerfestigkeit als Aufbewahrungsort für wertvollere Handelsgüter und beherbergte die Hofkasse, sowie Kontorarchiv und -siegel. Der kleine Kirchenschatz bestand aus einem kostbaren Gemälde, einem Kelch und sechs silbernen Schalen.
Zur Bewachung der Kirche setzte man zwei sogenannte kerkenslepers, also Kirchenschläfer ein, die nicht Brüder oder Mitglieder derselben Handelsgesellschaft ("kumpane van gelde") oder Gesellen desselben Meistermannes sein durften. Diese Bestimmung sollte verhindern, daß die beiden etwas zum Schaden anderer unternähmen.
Mit der Zeit verdrängten die kapitalkräftigen Hansekaufleute, die eng mit westlichen Lieferanten und Abnehmern in Verbindung standen, ihre bäuerliche Konkurrenz aus Gotland mehr und mehr. Schließlich wurde der Olafshof zu Anfang des 14. Jahrhunderts, nach dem Niederbrand der St.-Olafs-Kirche, aufgegeben und an die Deutschen verpachtet(8). Die Pacht - fünf Rheinische Gulden im Jahr - wurde noch bis 1560 entrichtet. Zu diesem Zeitpunkt wurde der Gotenhof jedoch schon nicht mehr durch die Hanse genutzt.(9)
Während die Kaufleute anfangs in der Regel noch selbst nach Nowgorod fuhren, sandte man später mehr und mehr nur die eigenen Söhne oder Gesellen - immerhin noch die Vertreter großer Handelshäuser.(10)
Die Schra
Die sogenannte Schra war eine Hofordnung, die erstmals Mitte des 13. Jahrhunderts erlassen wurde. In ihrem Inhalt ging sie auf das Soester Stadtrecht zurück, das ebenfalls die Bezeichnung Schra trug, sowie auf Einflüsse durch die Gotländer Genossenschaft, Lübeck, Dortmund und Wisby.(11)
Im Turnus von einigen Jahrzehnten folgten neue Varianten der Schra, die die jeweils älteren ablösten, jedoch immer nur recht geringfügige Neuerungen mit sich brachten.
In den Schras sind vor allem Bestimmungen über die Organisation im Kontor und den Handel aufgeführt. Als Beispiel seien hier einige der vielen Sicherheitsbestimmungen betreffs der Kirche angegeben:
So sollte nachts kein unbeaufsichtigtes Licht brennen (um Brände zu verhindern), die Fenster geschlossen und das Tor verriegelt sein (um Einbrüche zu verhindern). Die Furcht, Russen könnten Waren aus der Kirche stehlen, vielleicht indem sie sich einen Schlüssel nachbildeten, drückt sich beispielsweise so aus: "Wenn es der Fall ist, daß irgendeiner den Schlüssel trage aus dem Hofe, muß er zehn Mark bringen. Wäre es auch Sache, daß der Schlüssel offen getragen würde, daß es ein Russe sehe, das kostet eine Mark." Ferner durfte auch kein Russe in die Kirche hinein.(12)
Der Handel
Für lange Zeit erfolgte der Handel in Nowgorod ausschließlich über den Tausch von Ware gegen Ware.
Die Einfuhr nach Nowgorod bestand insbesondere aus Bernstein, Buntmetallen(13), Glaserzeugnissen, Tuchen, Salz, Gewürzen, Heringen, Wein und Silber. Dabei waren die deutschen Händler nicht die ersten, die diese Waren nach Nowgorod brachten. Vielmehr lösten sie andere Quellen ab, die durch den Mongolensturm und den Zerfall des Kiewer Reiches versiegten oder unerreichbar wurden. So hatte Nowgorod den Bernstein zuvor aus dem Dnjepr-Gebiet bezogen, Silber aus dem Orient und Glaswaren aus Kiew.(14) Auch wurden die englischen Tuche mehr und mehr durch flandrische verdrängt.(15) Verbotenerweise wurden oft auch Waffen nach Nowgorod gebracht.
Im Gegenzug erhielten die deutschen Kaufleute vor allem Pelze und Wachs. Ab Beginn des 16. Jahrhunderts nahm allerdings der Anteil von Flachs, Hanf, Talg und Leder zu.(16)
Die Beziehungen zu den Nowgorodern
Trotz des großen Mißtrauens, das man gegenüber den Einheimischen hegte, scheinen die Beziehungen zu ihnen recht freundschaftlich gewesen zu sein. Junge Leute `spielten' beim Bade im Peterhof mit Russinnen, es gab gemeinsame Gelage und Sprachschüler an den Bojarenhöfen, und es wurden beiderseitig viele Lehnwörter aus der anderen Sprache übernommen, so pogribbe für Gefängnis nach russisch pogreb.(17)
Auch läßt sich der westliche Einfluß auf russische Kunstgegenstände und Baustile feststellen.(18) In den 1430ern beteiligten sich deutsche Baumeister sogar am Palastbau für Erzbischof Jewfimi II.
Allerdings gab es auch Konfliktfälle, wenn sich Nowgoroder Kaufleute betrogen fühlten. Nach einem dafür nötigen Beschluß der Volksversammlung hielt man dann die Deutschen als Faustpfand in Nowgorod fest. Niemand durfte sie oder ihr Eigentum aus der Stadt bringen. 1421 wurde sogar ein Russe vor dem Peterhof aufgeknüpft, weil er versucht hatte, den Brief eines Kauffahrers hinauszuschmuggeln.(19) Mitunter wurden die Kaufleute auch ins Gefängnis gesteckt oder gar in Eisen gelegt.
Im Gegenzug hielt man aber zuweilen auch Nowgoroder in Dorpat oder Reval fest.
Um derlei Streitigkeiten zu verhindern, wurde der Borgkauf - der Kauf auf Kredit - verboten, der sonst allgemein üblich war.
Die Organisation im Kontor
Jeder Kaufmann durfte nur einmal im Jahr für maximal ein halbes Jahr nach Nowgorod kommen, als Sommer- oder Winterfahrer. Dadurch sollten möglichst viele am Geschäft beteiligt werden.
Außerdem gab es eine Einfuhrbegrenzung auf 1000 Mark lübisch Warenwert pro Fahrt.(20) Nebenbei erreichte man durch diese Maßnahme eine günstige Verhandlungsposition der Hanseleute gegenüber den Russen: Während die russischen Waren im Überfluß zu günstigen Preisen angeboten wurden, konnte für die knappen Handelswaren aus dem Westen umso mehr verlangt werden.
Die Leitung des Kontors führte ein deutscher Oldermann mit vier Weisesten. Er hatte gerichtliche Funktion, vertrat das Kontor gegenüber den Nowgorodern und berief die Versammlung, den Steven ein. Anfangs wurde der Oldermann unter den Kaufleuten gewählt. Ab Mitte des 14. Jahrhunderts, mit Inkrafttreten der IV. Schra jedoch bestimmten die Städte Lübeck und Wisby den Oldermann im Wechsel.
Allgemeine Schreibarbeiten wurden vom Hofpriester erledigt.(21) Seit 1409 übernahm neben dem Oldermann ein Hofknecht die Verwaltungsaufgaben, der das ganze Jahr über in Nowgorod blieb.(22)
Seit dem Ende des 13. Jahrhunderts wurde das Kontor durch Lübeck und Wisby geführt, ab 1361 beteilligten sich livländische Städte an der Verfügungsgewalt, die später ganz an sie überging, bis zur ersten Schließung des Kontors 1494.(23)
Dieses Vordringen des baltischen Einflusses auf das Kontor erklärt sich weniger aus der Initiative der dortigen Städte, sondern vielmehr ganz einfach aus geographischen Gründen. Wenn man in Nowgorod Hilfe irgendwelcher Art brauchte, konnte man nicht immer Boten bis ins weit entfernte Lübeck senden und auf Antwort warten. Besonders, als Lübeck 1408-1416 von inneren Krisen geschüttelt wurde, wandte sich der deutsche Kaufmann in Rußland an die Städte Dorpat und Reval.(24) Im Jahre 1430 wurde sogar ein erster offizieller Auftrag an die Städte Livlands vergeben, Unterhandlungen mit Nowgorod zu übernehmen.(25) Die überseeischen Städte - so Lübeck - verhielten sich indes passiv.
Die Spätzeit
1478 verleibte Iwan III. Nowgorod dem Moskauer Großfürstentum ein. Seitdem wurde der Handelsverkehr zunehmend über livländische Städte - insbesondere Dorpat, Reval und Riga - abgewickelt. Zeitweilig soll der Peterhof sogar verlassen gewesen sein.(26)
Im Jahre 1494 verschlechterten sich die Beziehungen der Hanse zum Großfürstentum zusehends. Unter anderem warfen beide Seiten der jeweils anderen Mißhandlung der besuchenden Kaufleute vor. Es wurden die Ratsherren Thomas Schrowe aus Dorpat und Gotschalk Remlinkrode aus Reval ausgesandt, um mit dem Grosfürsten zu verhandeln. Schon in Nowgorod mußten sie 23 Tage auf eine Erlaubnis zur Weiterreise warten. Und diese Hinhaltetaktik wurde von russischer Seite her weiterverfolgt. Auch in Moskau warteten die Hanseleute tagelang, bis ihnen eine Audienz gewährt wurde. Der Fürst versprach zunächst, auf Nowgorod einzuwirken. Auf der Rückreise jedoch wurden die Gesandten gefangengesetzt. Am 6.11.1494 nahm man die Kaufleute des Peterhofes fest, was einer Schließung gleichkam.(27)
Als Gründe gab man offiziell an, Nowgoroder seien vor allem in Reval verbrannt oder zu Tode gekocht worden wegen vorgeworfener Vergehen wie Falschmünzerei und Unzucht mit Tieren.
In Wahrheit aber handelte es sich wohl insbesondere um eine politische Maßnahme. Man brauchte die Gefangenen als Druckmittel gegen die Hanse und den Kaiser, die man davon abhalten wollte, Schweden gegen Rußland im folgenden Krieg zu unterstützen.(28)
Nach Jahren der Verhandlung wurden beinahe alle in Nowgorod Gefangenen im März 1497 freigelassen - Rußland hatte mit Schweden Frieden geschlossen.(29)
Nach dem Kaufmannsfrieden von 1514 wurde eine Neueröffnung des Peterhofes versucht. Das Kontor wurde fast ausschließlich von Livländern genutzt. Es fand sein endgültiges Ende im Livländischen Krieg (1558-83) durch Iwan IV..
Bereits Zar Fedor Ivanovic (1584-1598) jedoch sagte Vertretern der Hanse einen neuen Hof in Nowgorod zu. Allerdings wollte er von einer offiziellen Gesandtschaft darum gebeten werden. Bis dahin sollten die Hansekaufleute keine Sonderrechte gegenüber anderen Ausländern innehaben. Schließlich bekamen sie ein Grundstück in der Rogatica-Straße, das immerhin ganze 3450 m2 umfaßte.(30)
Dennoch gaben sich die Hanseleute nicht zufrieden, da ihr neues Grundstück weiter vom Markt entfernt lag, als der einstige Peterhof. So erwarben die Lübecker dank eines Privilegs des Zaren Boris Godunov im Jahre 1603 ein günstiger gelegenes Anwesen.(31)
Aber auch das neue Kontor erreichte nicht mehr die einstige Bedeutung des Peterhofes.
Literatur
Norbert Angermann; "Nowgorod - Das Kontor im Osten" in: Die Hanse - Lebenswirklichkeit und Mythos, Bd. I, Hrsg. Jörgen Bracker, Hamburg 1989
ders.; "Die Hanse und Rußland" in: Die Welt der Hanse, Hrsg. Albert d' Haenens, Antwerpen 1984
ders.; "Kulturbeziehungen zwischen dem Hanseraum und dem Moskauer Rußland um 1500" in: Hansische Geschichtsblätter (HGBll), Jhg. 84, Köln / Wien, 1966
ders.; "Der Hansehandel mit Nowgorod nach dem Zeugnis archäologischer Quellen" in HGBll 98/1980
ders.; "Die Hanse und Rußland in den Jahren 1584-1603" in HGBll 102/1984
ders.; "Das Nowgoroder Hansekontor" in HGBll 109/1991
Andrzej Poppe, "Novgorod" in: Lexikon des Mittelalters, Bd. VI, München 1993
Thomas Riis, "Kaufmannskirche" in: Lexikon des Mittelalters, Bd. V, München 1991
Erik Tiberg; "Moskau, Livland und die Hanse 1487-1547" in HGBll 93/1975
Quellen
Schra Nr. IV in: Ausgewählte Quellen zur Geschichte des Deutschen Mittelalters, Hrsg. Rolf Sprandel, Bd. XXXVI: Quellen zur Hansegeschichte, Darmstadt 1982
Hansisches Urkundenbuch, Bd. 3: 1343-1360, Halle 1882-1886
Fußnoten
1 adlige Grundbesitzer
2 HGbll 109, S. 87
3 Quellen zur Hansegeschichte, S.323
4 HGbll 109, S. 88
5 ebenda
6 Die Hanse, S. 174
7 der Durchmesser betrug um 40 Zentimeter
8 Die Hanse, S. 173
9 HGbll 109, S. 90
10 Die Hanse, S. 174
11 Quellen zur Handelsgeschichte, S. 324
12 vgl. Quellen zur Hansegeschichte, S. 326
13 Kupfer, Zinn, Blei und deren Legierungen
14 HGbll 98, S. 78
15 ebenda, S. 79
16 HGbll 102, S. 88
17 Die Hanse, S. 175
18 Die Welt der Hanse, S. 268
19 Die Hanse, S. 175
20 Die Hanse, S. 174
21 Die Hanse, S. 173
22 Quellen zur Hansegeschichte, S. 323
23 HGbll 109, S. 89
24 HGbll 93, S. 22
25 HGbll 93, S. 23
26 HGbll 93, S. 27
27 vgl. HGbll 93, S. 28f
28 vgl. HGbll 93, S. 30 ff
29 HGbll 93, S. 35
30 HGbll 102, S. 86
31 HGbll 109, S. 90
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